Stefan Mross im Fernsehgarten im Juni 2025 - Bild: Sven Mandel / CC-BY-SA-4.0
Es gibt Momente, in denen die Absurdität der Gegenwart so offensichtlich wird, dass man sich fragt, ob man noch bei Verstand ist. Die ARD hat gerade einen dieser Momente geschaffen: Eine Sendung, die seit 1995 läuft, über eine Million Menschen regelmäßig vor die Bildschirme lockt und dabei auch noch wirtschaftlich funktioniert, wird eingestellt.
Nicht weil sie schlecht ist. Nicht weil die Quoten eingebrochen sind. Sondern weil sie zu alt ist. Weil ihre Zuschauer zu alt sind. Weil Tradition in der Gegenwart ein Luxus ist, den sich öffentlich-rechtliche Sender angeblich nicht mehr leisten können. Das ist nicht Sparsamkeit - das ist Kulturverachtung mit Haushaltsplan.
Der SWR nennt es eine „schmerzhafte Entscheidung". Schmerz ist das Wort der Gegenwart, wenn es um Entscheidungen geht, die eigentlich Feigheit sind. Programmdirektor Clemens Bratzler sprach von der Notwendigkeit, Budget für „jüngere Zielgruppen und digitale Formate" freizumachen. Übersetzung: Wir brauchen Platz für Inhalte, die auf TikTok funktionieren, nicht für Sendungen, die Menschen glücklich machen.
Die Logik ist bestechend in ihrer Klarheit: Eine Million treue Zuschauer sind weniger wert als die Hoffnung auf virale Reichweite. Ein Format, das 30 Jahre lang funktioniert, ist weniger zukunftsträchtig als ein Experiment, das vielleicht in drei Monaten wieder eingestellt wird. Das ist nicht Programmentscheidung, das ist Wahnsinn mit Businessplan.
Schauen wir uns an, was hier wirklich passiert: Die ARD hat sich selbst zum Feind erklärt. Sie hat beschlossen, dass ihre Kernaufgabe, Menschen zu unterhalten, sie zusammenzubringen, ihnen Kontinuität zu geben, weniger wichtig ist als die Jagd nach demografischen Gruppen, die ohnehin lieber auf Netflix sind.
„Immer wieder sonntags" war nicht nur eine Sendung. Sie war ein Versprechen: dass es einen Platz im Fernsehen gibt für Menschen, die nicht jung sind, die Schlager mögen, die sich freuen, wenn Stefan Mross lacht. Dieses Versprechen wird jetzt gebrochen. Und die ARD nennt das Sparsamkeit.
Die Heuchelei ist atemberaubend. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde gegründet, um allen zu dienen - nicht nur den Jungen, nicht nur den Trendigen, nicht nur denen, die auf Instagram aktiv sind. Aber genau das ist jetzt passiert: Die ARD hat sich selbst neu erfunden als Sender für eine Zielgruppe, die es gar nicht gibt.
Denn wer jung ist und Unterhaltung will, schaut nicht ARD. Und wer ARD schaut, ist oft älter und wird jetzt systematisch ignoriert. Das Ergebnis ist eine Sendeanstalt, die niemandem mehr richtig dient - außer vielleicht den Sparquoten und den Managern, die ihre Budgets optimiert haben.
Stefan Mross moderiert die Sendung seit 2005. Das sind über 20 Jahre. Über 370 Folgen. Tausende von Künstlern, die auf dieser Bühne standen. Millionen von Zuschauern, die ihre Sonntage damit verbracht haben. Und jetzt? Jetzt wird das alles als Kostenfaktor behandelt. Der Europa-Park, der die Sendung beherbergt, verliert ein Markenzeichen. Die Künstler verlieren eine regelmäßige Bühne. Die Zuschauer verlieren einen Ort, an dem sie sich zu Hause fühlen.
Und die ARD? Die spart ein paar Millionen Euro, die sie dann in Formate investiert, die in sechs Monaten wieder weg sind. Das ist nicht Effizienz, das ist Kulturvandalismus.
Was wirklich verstört, ist die Gleichgültigkeit, mit der diese Entscheidung getroffen wurde. Es gab keine großen Debatten, keine öffentlichen Diskussionen über den Wert von Kontinuität und Tradition. Es gab nur eine Mitteilung: Die Sendung wird eingestellt. Punkt. Aus. Vorbei.
Die Reaktionen? Ein paar enttäuschte Schlagersänger, ein paar traurige Zuschauer, ein paar Medienkommentare. Aber keine echte Empörung. Keine echte Frage danach, was das über uns als Gesellschaft aussagt. Dass wir bereit sind, 30 Jahre Fernsehgeschichte einfach zu löschen, weil sie nicht in die gegenwärtige Logik passt.
Das Phänomen ist nicht neu, aber es wird immer grotesker: Öffentlich-rechtliche Sender orientieren sich zunehmend an Metriken, die für Streaming-Dienste relevant sind. Engagement, Reichweite bei jungen Zielgruppen, digitale Verwertbarkeit. Eine Sendung, die Millionen Menschen glücklich macht, aber nicht auf TikTok viral geht, ist in dieser Logik ein Fehler im System. Das ist nicht nur falsch - das ist eine Perversion des öffentlich-rechtlichen Auftrags.
Der SWR hat das verstanden und handelt danach. Man könnte es auch Kulturverweigerung nennen, aber das wäre zu hart. Es ist einfach nur Geschäft. Geschäft mit der Kultur, Geschäft mit der Tradition, Geschäft mit den Menschen, die noch an so etwas wie Kontinuität glauben.
Am Ende steht eine einfache Wahrheit: Die ARD hat sich selbst aufgegeben. Sie hat beschlossen, dass Tradition kein Wert mehr ist, dass Treue ein Konzept aus einer anderen Zeit ist, dass Kontinuität ein Luxus ist, den sich öffentlich-rechtliche Sender nicht leisten können. „Immer wieder sonntags" ist nur der nächste Grabstein auf dem Kulturfriedhof der Öffentlich-Rechtlichen. Es werden mehr folgen. Und mit jedem Grabstein wird klarer: Die ARD ist nicht mehr die Anstalt, die sie einmal war. Sie ist eine Behörde geworden, die ihre eigene Existenzberechtigung nicht mehr versteht.
Willkommen in der Gegenwart, in der alles optimiert werden muss - auch die Kultur, auch die Menschlichkeit, auch die Hoffnung, dass es noch einen Platz gibt für Menschen, die nicht jung sind und nicht trendy. Die ARD hat entschieden: Es gibt diesen Platz nicht mehr. Und das ist das Traurigste daran.
In diesem Sinne, seid gegrüßt und bleibt schlagerrauschig Euer Andi / Schlagerrausch Magazin

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