So könnte es bei Ralph Siegel und Nicole im Studio ausgesehen haben...
Bild: Schlagerrausch Magazin / KI

Ich sage es euch ganz ehrlich: Wenn ein gestandener Profi wie Ralph Siegel im Studio zusammenbricht, dann muss etwas Magisches passiert sein. In der ARD-Dokumentation „70 Jahre ESC – More than Music“ lässt Siegel die Bombe platzen. Wir schreiben das Frühjahr 1982, München. Eine junge, schüchterne Nicole steht am Mikrofon. Die ersten Takte von „Ein bisschen Frieden“ erklingen – und dann passierte es.

„Ich habe einen Heulkrampf bekommen!“

Als Nicole diese glasklare, unschuldige Stimme erhob, gab es für Siegel kein Halten mehr. Der Mann, der sonst alles unter Kontrolle hat, wurde von seinen Emotionen regelrecht überrollt. „Ich habe einen Heulkrampf bekommen – vor Begeisterung“, beichtet er heute. Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und rief gepeitscht von dieser Vorahnung: „Damit gewinnen wir die Eurovision! Damit gewinnen wir!“.

Ich finde das so wunderbar menschlich! Ralph Siegel hat damals gespürt, dass diese schlichte Melodie mehr ist als nur ein Song – es war Medizin für eine Welt, die damals (wie heute) nach Frieden lechzte. Ein bisschen Gitarre, eine 17-Jährige und ein Produzent, der vor Glück weint – mehr brauchte es nicht für den ersten deutschen Sieg.

Der Absturz von der Träne zum High-Tech-Zirkus

Aber Hand aufs Herz: Wenn Nicole (61) heute den Fernseher einschaltet, wenn das ESC-Finale ansteht, dann fließen bei ihr höchstens Tränen der Verzweiflung. Die Frau, die Siegel zum Weinen brachte, rechnet heute gnadenlos mit dem Wettbewerb ab. „Es ist schrill, es ist laut, es ist beängstigend“, urteilt sie im Interview mit Schlager.de.

Vom „Liederwettbewerb“ zum „Show-Jahrmarkt“: Nicole kritisiert die Materialschlachten und Badeanzug-Kostüme. Während sie damals Europa nur mit ihrem Talent verzauberte, sieht sie heute „überspitzt gesagt 100.000 halbnackte Tänzer“ und fahrbare Treppen Promiflash. Ihr vernichtendes Urteil: „Das hat nichts mit prüde zu tun, das ist einfach too much.“

Schlagerrausch Fazit: Ralph Siegels Heulkrampf war echt. Er war pur. Er kam aus der Seele. Wenn ich mir den heutigen ESC ansehe, frage ich mich: Wer würde da heute noch vor Rührung weinen? Wahrscheinlich nur die Techniker, wenn das WLAN für die LED-Wand ausfällt. Nicole hat recht: Wir brauchen wieder Lieder, die das Herz berühren, statt nur die Netzhaut zu strapazieren.

 

Wer keine Tränen vergießt, kann auch keine Herzen bewegen – aber wer nur noch Show macht, verliert die Seele des Schlagers - bleibt schlagerrauschig! Euer Andi / Schlagerrausch Magazin